Wie Du Tradition mit Moderne verbinden kannst

„Betriebe mit Tradition haben eine große Chance, man muss sich aber auch trauen, diese Werte neu zu kommunizieren.“ Dieser Auffassung ist Thomas Wehr, Bäckermeister aus Leidenschaft. Seit Juni dieses Jahres betreibt er gemeinsam mit seiner Frau Susanne Wehr den Concept Store MEHL.WASSER.SALZ. Brothandwerk von Wehr in Fürth. Die Idee dahinter: Tradition durch moderne Ansätze vervollständigen. Wie die Idee zustande gekommen ist und wieso die Bäckerei Wehr sogar Auszubildene aus dem Ausland betreut, erfahrt Ihr im Blog:   

F: Sie haben dieses Jahr aus einem Traditionsbetrieb den modernen Concept Store „MEHL.WASSER.SALZ. Brothandwerk von Wehr“ eröffnet. Wie schaffen Sie den Spagat zwischen Tradition und Moderne?

Im Concept Store gibt es ein begrenzts Angebot an Brot, da der Fokus auf das Handwerk gelegt wird.

A: Bei uns liegt Backhandwerk bereits seit 1886 in der Familie und ich bin Bäckermeister in 5ter Generation. Aktuell arbeiten wir an der Firmenübergabe von meinem Vater an mich und dies ist ein entscheidender Zeitpunkt, einen frischen Blick auf das Unternehmen zu werfen. Ich bin in der Backstube aufgewachsen und verbinde mit der Wärme des Ofens viele besondere Momente. Ich bin stolz darauf, den Betrieb und das Handwerk weiterführen zu dürfen. Jedoch ist der Weg in die Zukunft auch mit der Implementierung eines neuen, angemessenen Zeitgeists verbunden.

F: Wie kam die Idee zu dem Concept Store auf?

A: Der Concept Store als Idee war schon länger in unseren Köpfen. Als meine Tante dann ihre Bäckerei schloss, hat sich die perfekte Möglichkeit geboten. Das Haus, in dem ihre alte Bäckerei war, wird nächstes Jahr (2021) kernsaniert. Deswegen ist die Miete günstig und die Gelegenheit begrenzt – zwei Umstände, die nach Umsetzung schreien. Im Juni 2020 haben meine Frau Susanne und ich dann den Laden wiedereröffnet. Bewusst reduziert, um den Fokus auf unser Hauptprodukt Brot zu lenken und die Reinheit unserer Produkte zu transportieren. Nach diesen Grundsätzen haben wir auch das Konzept gestaltet. Alles im Laden konzentriert sich auf das Wesentliche: Verkürzte Öffnungszeiten (Mo/Mi/Fr 16-19.30), begrenztes Angebot (7 Sorten Brot, 1 Süßspeise und Wein) als auch der Name (MEHL.WASSER.SALZ.).

F: In Ihrer Bäckerei haben schon Auszubildene aus Kanada oder Japan das Brothandwerk von der Pike auf gelernt. Wie kam dies zustande?

Für Thomas und Susanne Wehr war es eine Herzensangelegenheit, den Concept Store zu eröffnen.

A: Meine Frau und ich haben selbst im Ausland gelebt und gearbeitet. Wir wurden stets offen aufgenommen und haben wunderbare Erfahrungen gesammelt. Dies möchten wir auch weitergeben und sind generell sehr offen, wenn Backinteressierte sich an uns wenden. Auf unserer Website und in Social-Media kommunizieren wir sehr direkt, dass wir als handwerklicher Betrieb noch backen wie damals. Wenn man also den direkten Umgang mit Sauerteig lernen möchte, fernab von Backmischungen und Industriestraßen, ist man bei uns Gold richtig. Das zieht potenzielle Arbeitnehmer an. Wenn diese sich dann via E-Mail, Website oder Social-Media bei uns melden, ist es für uns Ehrensache, jeden Bewerber eine Chance zu geben und, wenn wir grade kein Bedarf haben, auch bei der Vermittlung zu unterstützen.

F: Was glauben Sie, worin liegt der Anreiz, das Brothandwerk bei Ihnen zu lernen?

A: In unserer Backstube stehen Knete und Öfen. Mehr nicht. Wir wiegen die Zutaten selbst zusammen, wir haben jedes Brot für jeden Arbeitsschritt mehrmals in der Hand. Unter #backenwiedamals sind wir im Internet vertreten und stehen für Handwerk und Nachhaltigkeit. Wer das Backhandwerk als Berufung und nicht nur als Beruf sieht, findet uns. Und viele, die nur mal ein Praktikum für ein paar Wochen machen wollten, bleiben dann doch Jahre.

F: Glauben Sie, die Kombination von Tradition und Moderne ist zukunftsfähig?

A: Wir leben in einer Zeit, welche sich extrem schnell weiterentwickelt und um geschäftsfähig zu bleiben, muss man sich anpassen. Wir sind besonders stolz drauf, dass sich unsere traditionellen Werten perfekt in den aktuellen Zeitgeist übersetzen lassen. Selten war Authentizität und Handwerk so gefragt wie heute. Betriebe mit Tradition haben eine große Chance, man muss sich aber auch trauen, diese Werte neu zu kommunizieren.

F: Wie schaffen Sie es, in der Transformation des Betriebes Ihre Talente und Ihre Leidenschaft einzubringen?

A: Ich glaube generell, dass für jedes Talent sich ein Platz findet – manchmal muss man nur danach suchen. Sicher würde der Betrieb auch mit einer anderen Vision oder Ausrichtung gut funktionieren. Mein Streben ist nur einer von vielen möglichen Wegen. Ich bin mir sehr bewusst, dass das Vertrauen meiner Eltern – welche den Betrieb aufgebaut haben, meiner Tante – welche mit ihrer Bäckerei herausragende Vorarbeit für den Erfolg des Concept Stores geschaffen und meiner Familie – die mit mir in das abgeschiedenste Dörfchen Bayerns gezogen ist, maßgeblich zum aktuellen Erfolg beitragen. Was ich sagen möchte, es kommt nicht immer auf die eigenen Talente und die Leidenschaft an, sondern darauf, aus der Situation das Beste zu machen und für die Möglichkeiten dankbar zu sein.

Wir danken Ihnen für das Interview und die spannenden Einblicke in Ihre Arbeit, Herr Wehr. Sie rücken Ihren Traditionsbetrieb in ein modernes Licht und wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg für Ihren Concept Store!